„Fremddenken“ ablegen

Hoch über dem Vierwaldstättersee in Buochs liegt der Bauernhof der Familie Wyrsch. Bei einem Mittagessen lerne ich Kurt und Ursi Wyrsch kennen. Das Ehepaar investiert sich aktiv in Deutsch- und Glaubenskurse für Muslime.
Kurt und Ursi kamen beide in ihren Teenagerjahren zum Glauben. Ursi durch eine Jugendgruppe in Luzern, Kurt hörte an einem Anlass jemanden über das Wiederkehren Jesu’ sprechen. Am selben Abend ging er nach Hause und dachte über das nach, was er gehört hatte. Wenn Jesus zurückkommt, wollte er auch dazu gehören. Noch in dieser Nacht betete er und lud Jesus in sein Leben ein. Am nächsten Morgen wusste er, dass er nun auch zu ihm gehörte.
In der Gemeinde haben sich die beiden dann auch kennen gelernt. Aus der Freundschaft entstand eine tiefe Beziehung und einige Jahre später haben sie geheiratet. Ursi zog zu Kurt auf den Rainhof (Bild oben), wo die beiden eine Familie gründeten.

Eine neue Aufgabe

Doch wie kamen ausgerechnet Kurt, der auf diesem Hof als Bauernsohn aufgewachsen ist, und Ursi, die seit der Heirat vor 29 Jahren dort lebt, dazu, arabisch sprechenden Flüchtlingen Deutsch zu lernen? „Angefangen hat eigentlich alles mit unserer Tochter Rebekka“, erklärt Ursi. Ihre älteste Tochter lebte für ein Jahr in Israel und verbrachte viel Zeit mit arabischen Leuten. Zurück in der Schweiz engagiert sie sich stark für die Organisation „Christen begegnen Muslimen“ und kam so auf die Idee, für die Bewohner des nahe gelegenen Asylzentrums Deutschkurse anzubieten. Nach jahrelanger Tätigkeit hatte Ursi ihre Mitarbeit bei der Sonntagsschule und der Jugendarbeit beendet, ohne zu wissen, was als nächstes kommt. Auch Kurt gab seine langjährige Aufgabe als Lobpreisleiter ab. „Gott hat das so genial geführt. Zur ähnlichen Zeit waren wir bereit für etwas Nächstes, etwas Neues.“ In dieser Zeit starteten die Deutschkurse und das Ehepaar war sofort bereit, da mitzuhelfen. Seit eineinhalb Jahren investieren die beiden nun einen Teil ihrer Freizeit in die Deutschkurse.

Almassira

Einige Wochen nach dem Start der Deutschkurse bemerkten die Kursleiter, dass manche Teilnehmer Interesse am christlichen Glauben zeigten. Die Idee, neben den Deutschkursen für Interessierte auch noch einen Glaubenskurs anzubieten, nahm rasch Gestalt an. Eine Freundin der Familie Wyrsch, die mit ihrer Familie viele Jahre im Nahen Osten gelebt hatte, half dabei, einen solchen Kurs ins Leben zu rufen. Weil sie sehr gut arabisch kann und die Kultur kennt, war und ist sie sehr wichtig in der ganzen Zusammenarbeit mit den Asylbewerbern. Almassira – „der Weg“ – ist der Name der christlichen Glaubenskurse für Muslime. Von arabischen Christen werden die Teilnehmer in zwölf Etappen in die Inhalte der Bibel eingeführt und der christliche Glaube Schritt für Schritt erklärt. Die Reaktionen der Teilnehmer sind jeweils sehr unterschiedlich. Einige verlassen den Kurs bereits nach dem ersten Mal, andere besuchen den Kurs regelmässig. „Am erfreulichsten ist es natürlich, wenn Teilnehmer ihr Leben am Ende des Kurses Jesus übergeben“, erklären mir Kurt und Ursi.

Vorurteile und Skepsis überwinden

Aber oftmals braucht es auch Geduld und den Willen, um an den Asylbewerbern „dran zu bleiben“ und sie nicht aufzugeben. „Sie haben andere Regeln und Verhaltensvorstellungen als wir in der Schweiz. Dies zu respektieren, ist sehr sehr wichtig!“, sagt Ursi. „Gerade als Christen ist es unsere Aufgabe, hinter den Ausländern Menschen wie du und ich zu sehen. Der Umgang mit Moslems ist für viele Schweizer mit Angst verbunden. Auch deshalb ist es wichtig, seine eigenen Erfahrungen zu machen und offen zu bleiben“. Früher war auch Ursi Muslimen gegenüber skeptisch. Aber beispielsweise beim Namen Mohamed hat sie jetzt ein Gesicht vor Augen und kennt seine persönliche Geschichte. „Skepsis hat man vor etwas, das einem fremd ist.“ Die Offenheit fremden Kulturen gegenüber hat das Ehepaar allerdings nicht während eigener Reisen oder Auslandaufenthalten erworben. „Viel weiter als Deutschland kamen wir nie – wir haben uns das Ausland einfach hierhin geholt“, schmunzeln die beiden. Indem sie Freunde und Bekannte zu sich einladen und jetzt immer öfter auch Teilnehmer der Deutsch- und Glaubenskurse, haben sie ein offenes Haus für Menschen aller Kulturen. „Gott liebt uns, nicht weil wir Christen sind. Er hat uns Menschen geliebt, bevor wir ihn kannten“, sagt Ursi. Menschen anderer Kulturen gehören zu uns, nicht nur weil sie in der Schweiz leben oder weil sie Jesus kennen, sondern sie sollten uns schon bevor sie Christen sind wichtig sein. Dies so umzusetzen und das „Fremddenken“ abzulegen ist herausfordernd. Auch die Schicksale mitzuerleben, wenn die Asylbewerber in der Schweiz abgelehnt werden, ist nicht einfach. Loslassen und akzeptieren können, müssen immer wieder gelernt sein.

Wertschätzung und Dankbarkeit

Neben den Herausforderungen bringt die Arbeit mit den Asylbewerbern sehr viel Wertvolles mit sich, da sind sich die Wyrschs einig. Sie investieren zwar viel, aber sie erhalten auch sehr viel zurück. „Durch das, was wir machen, werden wir immer wieder reich beschenkt.“ Die Asylbewerber wurden zu Freunden und zeigen immer wieder eine grosse Dankbarkeit für all das, was die Wyrschs und auch andere Gemeindemitglieder für sie tun. „Im Gegenzug würden sie für uns alles machen und uns unterstützen, wo sie können. Sie geben uns sehr viel Wertschätzung zurück!“ Das Ehepaar Wyrsch zeigt eindrücklich, dass sich auch Menschen in Muslime investieren können, die nicht jahrelang im Ausland gelebt haben. Ein offenes Ohr, ein offenes Haus und vor allem ein offenes Herz brauchen die Fremden in unserer Heimat so dringend. Sind wir bereit dazu?
Text | Elena Geissbühler

© copyright
Dieser Artikel ist erstmals erschienen in Chrüz+Quer 3/15 (www.cuq.ch – kostenlos verfügbar unter www.bundes-verlag.ch/app). Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des SCM Bundes-Verlages (Schweiz): www.scm-bundes-verlag.ch.

Bilder
Foto Bauernhof: Elena Geissbühler, SCM Bundes-Verlag (Schweiz), Portraitfoto: privat

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