Handarbeitsatelier für Migrantinnen seit 10 Jahren

Erster August, abends um acht. Ich räumte gerade unseren Garten auf, nach der Grillparty. In diesem  Moment sah ich einem jungen, grossen, afrikanischen Mann mit einem Trottinet über unseren Parkplatz auf unser Haus zuzukommen. Etwas schüchtern schaute er sich um. Ich erblickte ihn und erkannte ihn sofort wieder. Nach sieben Jahren, in denen wir nicht wussten wo er war, wie es ihm ging, in denen wir aber oft an ihn dachten und von ihm sprachen, stand er plötzlich wie aus dem Nichts vor mir. Ich rief seinen Namen: «Philipp!» Ein erlösendes Lachen erstrahlte in seinem Gesicht. Herzlich umarmten wir uns. «Ich bin so froh, dass ihr noch hier seid. Ich hatte solche Angst hier her zu kommen. Ich träumte drei Mal von euch. Ich wollte euch besuchen, doch ihr wart nicht mehr hier.» Er konnte kaum sprechen, so aufgeregt war er.
 
Vor sieben Jahren war Philipp ein neunjähriger Junge. Täglich verbrachte er Stunden in unserer Familie. Wir liebten ihn sehr. Er war wie ein Kuscheltier für uns alle. Was er so vermisste an Zuwendung, holte er sich in unserer Familie. Seine Mutter erlebte ich sehr hysterisch. Damals war sie froh, zu wissen, dass Philipp bei uns war. Für die Nachbarschaft war er ein unmögliches, freches Afrikanerkind. Von überall brachte er Dinge, die er gefunden hatte zu uns. Inlineskates, Trottinetts, Puppenwagen, Velos usw. Bei Schweizerfamilien stehen so viele verlockende Dinge vor den Häusern. Warum durfte er diese nicht mitnehmen, wenn sie doch einfach so herumstanden? Unzähligen Male spazierte ich mit ihm durchs Dorf, um diese gestohlenen, wie es die Schweizer empfanden, oder einfach die mitgenommenen Dinge, wie Philippe sie verstand, zurückzubringen. In der Schule war er unmöglich. Er brauchte eine Privatlehrerin. Auch sie kam an ihre Grenzen mit ihm. Bei uns fühlte er sich aber zu Hause, wie er mir am ersten August bestätigte. So vergingen etwa drei Jahre. Ich erzählte ihm Geschichten aus der Kinderbibel. Fast täglich musste ich ihm immer die drei gleichen erzählen, die von Noah,  on Barthimäus und die von Zachäus. Die Geschichte von Zachäus war auch seine Geschichte. Niemand wollte ihn, niemand  vertraute ihm und aus ihm heraus kam nicht viel Gutes. Immer wieder erzählte ich das Gleiche: «Jesus sagte zu Zachäus: Zachäus, ich möchte so gerne dein Freund sein.» Eines Tages gab Philipp zur Antwort: «Ich möchte auch Freund sein von Jesus!» Wow, das war die Gelegenheit, wo ich mit ihm beten konnte, dass Jesus und Philipp doch Freunde fürs Leben sein sollen.
Im Jahr 2003 setzte sich Philipp an die alte Pfaff Nähmaschine meiner Grossmutter, welche auf unserem Dachboden stand. Als er anfing zu treten, gab Gott mir eine ganz klare Vision. Ich war sehr wach, doch plötzlich sah ich vor meinem inneren Auge, wie ich in diesem Raum ein Handarbeitsatelier für asylsuchende Frauen einrichten soll. Diese Vision konnte nur von Gott sein, denn ich war zu diesem Zeitpunkt keine leidenschaftliche Näherin. Ich musste einige Zeit mit Gott ringen und ihn fragen, ob er wirklich mit mir ein solches Projekt beginnen wolle. Ich hatte jedoch diesen Auftrag so stark im Herzen, dass ich nicht anders konnte, als ihn auszuführen. Meinem Mann konnte ich genau erklären, wo und wie die Nähtische montiert  werden sollen. Er half mir beim Umsetzten dieser Vision. Bald begann ich mit zwei Nähmaschinen und zwei Frauen im Dachzimmer zu arbeiten. Das war genau vor 10 Jahren. Gott brauchte Philipp dazu, mir diesen Auftrag zu zeigen.
 
2006 war Philipp eines Tages verschwunden. Wir als Familie waren sehr traurig und vermissten ihn. Er musste in ein Heim. Wir erfuhren nie mehr etwas von ihm.  
In dieser Zeit wuchs die Arbeit mit den asylsuchenden Frauen. Bald waren zwei Nähmaschinen zu wenig. Vier weitere Nähplätze kamen hinzu und ein grosser Tisch, um auch andere Arbeiten herzustellen. Wir fertigen Kinderkleider an für ein Hilfswerk in Äthiopien, wir stellen Handarbeiten her, um sie an Märkten zu verkaufen, damit wir mit dem Geld Material kaufen können aber auch damit wir finanzielle Hilfe leisten können in den Herkunftsländern der Frauen. So zum Beispiel spendeten wir für syrische Kriegsflüchtlinge, für die Dürrekatastrophe in Somalia, für die Hochwasseropfer in Pakistan, wir halfen eine öffentliche WC Anlange zu finanzieren in Addis Abeba oder wir spendeten mit dem erarbeiteten Geld für medizinische Hilfe in Kongo. In den letzten Jahren konnten wir vielen Kindern von asylsuchenden Eltern ein Adonia Musical –oder ein Sportcamp ermöglichen. Es entstand auch ein Flickatelier, welches eine iranische Frau in unserem Haus betreibt. Ein Bibelkreis mit fast nur Frauen mit muslimischem Hintergrund konnten wir ins Leben rufen. In den letzten zehn Jahren lebten vier afrikanische Frauen für ein oder mehrere Jahre in unserem Haus, drei Jahre lang sogar eine Mutter mit ihrer damals zweijährigen Tochter. Das alles entstand, seit dem Philipp an der alten Nähmaschine drehte.
 
Auch am zweiten August war der inzwischen 16-jährige Junge wieder da. Er erzählte uns viel aus seinem jungen Leben. Es war ein bewegtes Leben bis zum jetzigen Zeitpunkt. Die letzten Jahre verbrachte er in verschiedenen Heimen oder in Pflegefamilien. Bis zuletzt bekam er Einzelunterricht in der Schule. Nun lebt er bei einer Pflegefamilie im Kanton Freiburg und begann in Bern eine Lehre als Hilfskoch. Er träumt davon, einmal eine richtige Lehre zu absolvieren, damit er seinen Lebensunterhalt selber verdienen kann. Er träumt von einer eigenen Familie und davon, dass er seinen Brüdern in Afrika einmal helfen kann.
 
Auch ich erzählte ihm viel von unserem Erleben mit ihm. «Weisst du noch, dass ich dir immer dieselben Geschichten aus der Kinderbibel erzählen musste?» «Ja, die möchte ich so gerne wieder einmal hören», war seine Antwort. Also holte ich die Kinderbibel und erzählte Philipp, dem afrikanischen Teenager, die Geschichten von Noah, Barthimäus und von Zachäus. «Ja, jetzt erinnere ich mich wieder ganz genau daran», erklärte er mir. Ich fragte ihn: «Wie geht es denn dir mit dem lieben Gott?» «Ich weiss es nicht recht, weisst du, meine Mutter sagte mir, dass ich Moslem sei.» «Du ein Moslem?» «Ja, sie sagte, mein Vater in Afrika sei Moslem und ich sei darum auch einer. Aber meinen Vater sehe ich ja nie, dann kann ich mich doch für den Glauben entscheiden für den ich will.»
So erzählte ich Philipp mein Lebenszeugnis mit Jesus, ich erzählte ihm, wie Gott ihn für mich brauchte, um mir diese Vision zu geben vom Handarbeitsatelier. Ich ermutigte ihn, mit Jesus über seine Lebenspläne zu sprechen.
Philipp kam zurück in unser Haus, wie damals der verlorene Sohn zurück zum Vater kam. Wir vertrauen darauf, dass auch Philipp zurück zum himmlischen Vater finden wird.

Autor: EB

Hinweis: Das Handarbeitsatelier wird am Jubiläumsfest in Aarau mit einem eingenen Stand anwesend sein.

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